Das Steinachviertel ist an vielen Stellen noch eine ruhige Ecke von Meran. Hier habe ich ins Schaufenster dieser Galerie geschaut.

Der Meister des Handdrucks: Begegnung mit dem Meraner Künstler Siegfried Höllrigl

Während unseres Aufenthalts im Steinach Townhouse Meran fallen uns die außergewöhnlichen Drucke im Haus auf. Wir erfahren, dass sie aus der Werkstatt des Meraner Druckkünstlers Siegfried Höllrigl stammen. Ein Besuch in seinem Atelier ist keine Selbstverständlichkeit, sondern eine große Ehre. Ein Einblick in ein selten gewordenes Handwerk.

In der Hallergasse im Meraner Steinach Viertel befindet sich ein besonderer Ort: die „Offizin S.“ des Buchdruckers Siegfried Höllrigl. Der Begriff „Offizin“ (von lateinisch officina – Werkstätte, Arbeitsraum) bezeichnete seit dem späten Mittelalter eine Werkstatt, die hochwertige Waren produzierte und an die ein Verkaufsraum angeschlossen war. Bis heute wird der Begriff für Buchdruckereien und Apotheken verwendet.

Bei einem Spaziergang durch Meran fiel mir immer wieder ein Geschäft mit außergewöhnlichen Plakaten auf, dessen Rollläden oft halb, manchmal ganz verschlossen waren. Ich wurde neugierig und fand heraus, dass es sich um eine Druckerei handelte.

Als wir im Oktober 2024 nur wenige Meter entfernt übernachteten und in unserem Hotel auf Arbeiten dieses Künstlers Künstlers stießen, wählten wir den einfachsten Weg: Wir baten ihn um ein Gespräch. Und wurden zu unserer großen Freude wenig später in sein Atelier eingeladen. Ein Besuch, für den wir sehr dankbar sind und dessen kreative Eindrücke uns sicher für immer begleiten werden.

Kunstdruckerei Höllrigl im Steinach Viertel von Meran
Kunstdruckerei Höllrigl im Steinach Viertel von Meran

Vom Drucker zum Künstler: Ein Blick in Siegfried Höllrigls Vita

Siegfried Höllrigl, geboren am 26. August 1943 in Meran, ist ein Meister traditioneller Handdruckerei. Nach seiner Schriftsetzerlehre in Meran arbeitete er als Maschinensetzer und Korrektor in einer Bozner Verlagsdruckerei. Gleichzeitig schulte er seine künstlerischen Fähigkeiten, absolvierte Zeichenkurse und legte am staatlichen Kunstlyzeum von Verona die Reifeprüfung ab.

Sein künstlerischer Werdegang beginnt in den 80er Jahren, als er sein erstes Buch mit eigenen Texten und Grafiken druckt. Bereits in diesem Werk löst er sich von den klassischen Herstellungsverfahren und verwendet als Druckträger Verpackungsmaterialien und schwarz eingefärbte Papierreste. Begleitet von den unaufhaltsamen Veränderungen seines Handwerks, gründet er 1985 eher spontan die „Werkstatt für Literatur, Typographie und Graphik“. Unter dem Namen „Offizin S“ betreibt er seit 1993 eine Handdruckerei.

In der „Offizin S.“ wird vor allem deutschsprachige Gegenwartslyrik in bibliophiler Ausstattung gedruckt. Sorgfältig geordnete Regale empfangen alle, die die Werkstatt betreten. Bücher und Materialien füllen den Raum. Sie sind gestapelt bis unter die Decke, an jeder freien Stelle ein Bild, eine Notiz, ein Text. Erinnerungen an viele spannende Begegnungen und Arbeiten, unter anderem mit renommierten Autoren wie Sarah Kirsch, Friederike Mayröcker, Kurt Drawert, Klaus Merz und Joseph Zoderer.

Siegfried Höllriegls Graphiken, Einzelblätter und bibliophilen Buchdrucke sind international anerkannt und in Ausstellungshäusern in Innsbruck, Meran, in der Schweiz und in Deutschland zu sehen.

Im folgenden Gespräch gibt Siegfried Höllrigl Einblicke in seine Kunst und sein Leben.

Drucke von Siegfried Hölliegl im Treppenhaus des Steinach Townhouse Meran.
Drucke von Siegfried Hölliegl im Treppenhaus des Steinach Townhouse Meran.

Interview mit einem Meister der Druckkunst

Herr Höllrigl, uns sind Ihre Drucke aufgefallen. Im Steinach Townhouse, aber auch hier, auf dem Weg durch das Steinach Viertel.

Siegfried Höllrigl: Ja. Da vorn ist die Buchbinderei meiner Frau.

Wie kamen Sie zum Buchdruck?

Siegfried Höllrigl: Ich habe in einer Druckerei gearbeitet, und irgendwann ist die Idee gekommen, selber ein Buch zu machen. Das hat mit einem Apotheker in Stuttgart auf dem Killesberg zu tun, in dessen Apotheke ich zufällig geriet. Er hatte besondere Bilder an den Wänden und ich habe mir gedacht, er könnte zu meinen Arbeiten etwas sagen. Weil ich Drucke dabei hatte, habe ihn gefragt, ob er bereit wäre, sich etwas von mir anzuschauen. Und er sagte: „Ja, gehen wir ins Kontor.“

Nachdem er sich alles angeschaut hatte, nannte er mir eine Galerie zwischen Kärnten und der Steiermark. „Das könnte gut für Sie gehen. Sie sind ja von der Druckerbranche. Dann können Sie mal selber ein Buch machen.“ Und das war die Saat für ein eigenes Buch. So kam ich in der Zeit des allgemeinen Umbruches vom Bleisatz zum Fotosatz zurück zu meinem Handwerksberuf. Mein Glück war auch, dass der Direktor der Druckerei mir erlaubte, nach der Arbeitszeit in der Druckerei dieses Buch zu setzen und vorzubereiten.

Das haben Sie bereits im Handdruck gemacht?

Siegfried Höllrigl: Ja, ein Bleisatz. Ich habe ein Jahr lang bis spät in die Nacht an dieser Sache gearbeitet. Bis es dann soweit war, dass die Druckerei vollends umgestellt hat auf Lichtsatz und Fotosatz.

Dann wurden die Bleibuchstaben entsorgt?

Siegfried Höllrigl: Natürlich. Aber ich habe einen Teil gerettet. Einen Teil von eineinhalb Tonnen Blei. Doch dafür brauchte ich Platz. In der Nachbarschaft konnte ich in einem früheren Pferdestall die Sachen aufstellen und habe angefangen damit zu arbeiten. Das ging aber nicht lang, weil die Besitzer diesen Raum für ihre Autos brauchten. Also brauchte ich eine Alternative. Und diese Alternative war mein Elternhaus. Die Sachen hierher zu bringen und hier zu arbeiten.

Meine Mutter schaute sich an, was sich bei mir in Bozen angesammelt hat. Und gab mir einen Raum. Das war 1987. Ich fing an neben meiner Arbeit in Bozen nachmittags dann und wann etwas zu machen, bis ich mich 1993 entschloss, die Arbeitsstelle aufzugeben. Ich fand es einfach schade um die Vormittagszeiten, wo man am besten arbeiten kann.

Das Palais Mamming mit Museum in der Innenstadt von Meran.
Das Palais Mamming mit Museum in der Innenstadt von Meran. Nur ein paar Schritte von diesem Platz entfernt ist die Werkstatt von Herrn Höllrigl.

Begegnungen mit der Literatur

Das funktionierte?

Siegfried Höllrigl: Ja. Es ist gut gegangen. Ich habe überlebt und im selben Jahr hat in Meran der erste Meraner Lyrikpreis stattgefunden. Ich habe eine der Finalistinnen eingeladen, hierher zu kommen und sich meine Arbeit anzuschauen.

Sie hatte sich vorher bei einem sehr kundigen, kompetenten Mann über mich erkundigt, der ihr sagte: „Er druckt gut, aber er hat keine guten Texte oder keine guten Autoren“. Und genau das wollte sie mir sagen. Sie nannte mir Namen von Autorinnen: Sarah Kirsch, Margarete Hannsmann. Und mit beiden Damen habe ich später arbeiten können. Mit Sarah Kirsch blieb ich bis zu ihrem Tod 2013 in Kontakt. 20 Jahre lang. Immer antwortete sie mir auf meine Briefe und Sendungen, immer mit der Anrede „Caro Maestro“ vom ersten bis zum letzten Brief.

Haben Sie für Sarah Kirsch spezielle Editionen gemacht?

Siegfried Höllrigl: Ich habe 2006 mit einer Reihe Lyrik begonnen. Sieben Jahre lang. Jedes Jahr drei Editionen zu einem ganz bestimmten Thema. Und diesem Thema habe ich in der äußeren Hülle die passende Farbe gegeben. Die erste Edition war dem Thema Reisen gewidmet und das erste Heft war mit Sarah Kirsch gemacht. Bei jedem dieser Hefte ist eine Grafik dabei.

Wenn jemand vorbeigekommen wäre und hätte Briefbögen haben wollen, hätten sie die auch gedruckt?

Siegfried Höllrigl: Nein. Ich habe nie Briefbögen gedruckt oder Geschäftsdrucksachen. Das ist uninteressant.

Das Höllrigl-Prinzip

Also haben Sie von Anfang an künstlerische Projekte umgesetzt?

Siegfried Höllrigl: Schon. Meine Werkstatt bezeichne ich als Werkstatt für Literatur, Typografie und Grafik. Typografie ist bei mir ein wichtiger Aspekt. Ich versuche gut zu gestalten. Und immer besser zu drucken.

Die Zeit darf keine Rolle spielen. Das ist bei mir Prinzip.

Kann man sagen, dass Begegnungen mit außergewöhnlichen Autor:innen und Persönlichkeiten für Sie auch einen Reiz ihres Berufes ausgemacht haben?

Siegfried Höllrigl: Natürlich. Das ist fundamental. Weil die Persönlichkeit der Autoren sich auf die Arbeit auswirkt. Man denkt an diese Persönlichkeit, diese Frau oder an diesen Mann. Und die Energie, die man dann spürt, die kommt der Arbeit zugute oder verhindert sie.

Drucke von Siegfried Hölliegl im Treppenhaus des Steinach Townhouse Meran.
Drucke von Siegfried Hölliegl im Treppenhaus des Steinach Townhouse Meran.

Kunst und Politik

Einigen ihrer Arbeiten nach zu urteilen, sind Sie offensichtlich ein politischer Mensch?

Siegfried Höllrigl: Ich verfolge das, was sich so tut. Meistens waren meine Aussagen verbunden mit der Sorge über die Entwicklung im Raum und die Sorge um die Entwicklung des Landes in Bezug auf Architektur, Zersiedelung usw. Teilweise sind es sehr kritische Aussagen. Aber ich versuche, gut zu gestalten.

Sein aktuelles Projekt

Was machen Sie aktuell?

Siegfried Höllrigl: Ich bin dabei, ein Vorhaben, das 2017 begonnen hat, heuer abzuschließen. Das sind 101 Gedichtplakate, die immer signiert sind von den Autorinnen und Autoren. Das bedeutet, dass ich manches Mal irgendwo hinfahre, um die Unterschrift zu holen oder Kuriere schicke.

Ich habe drei Kuriere. Eine Kurierin für die Schweiz und Süddeutschland war unlängst in Heidelberg bei Michael Buselmeier und in Zürich bei einem Südtiroler Autor. Dann gibt es einen Vermittler in Wien. Der hat sich um Elfriede Jelinek bemüht und hatte nach einem Jahr Erfolg. Der ist auch zu jungen Autoren in Niederösterreich gefahren. Und dann habe ich in Leipzig einen tüchtigen Kurier, der zu Volker Braun nach Berlin gefahren ist und sich mit Thomas Kunst getroffen hat.

Von Thomas Kunst ist ein Gedicht. Das habe ich in einer Übersetzung gedruckt, die hier in Meran entstanden ist. Das trage ich Ihnen jetzt vor:

Ich habe den Apfel nicht berührt, das Waffeleisen, den See

Ich habe die alte Briefmarke unangeleckt gelassen. Welche Briefmarke?
Ich habe die Waren auf dem Kassenband vor dem Kauf ausgetauscht. Streichhölzer anstelle der Salzstangen. Underberg anstelle der Feiglinge.
Ich habe dann doch nichts gekauft.

Ohne Pause rezitiert Siegfried Höllrigl das Gedicht von Thomas Kunst. Ein beeindruckendes Erlebnis.

An dieser Stelle unterbrechen wir das Gespräch, wechseln in die eigentliche Werkstatt. Siegfried Höllrigl holt eine seiner Mappen und legt uns Blatt für Blatt der aktuellen Arbeit vor. Die Präzision der Drucke, die Qualität der Papiere und die unglaubliche Sorgfältigkeit des Künstlers hinterlassen einen nachhaltigen Eindruck.

Die Ästhetik des Handwerks

Was ist das Ziel dieser Arbeiten. Ein Verkauf?

Siegfried Höllrigl:  Ja, ich verkaufe sie. Und eigentlich steckt viel mehr drin als Arbeit. Alleine die Mühe, die Kontakte zu machen, die Auswahl zu treffen. Ich habe immer einen Packen Korrespondenz. Zwölfmal drucke ich pro Motiv. Einen Druck brauchen wir für die Ausstellungen und einen weiteren Druck als Reserve.

Aber es sieht aus, als wäre das immer mit sehr viel Vorbereitung verbunden. Würden sie spontan etwas drucken wollen, wäre das eigentlich umsetzbar?

Siegfried Höllrigl: Natürlich. Man kann ganz schnell etwas machen. Aber es ist immer wichtig, jemanden zu haben, der einem gutes Papier liefert.

Finden Sie das hier in Südtirol oder müssen Sie dafür in anderen Ländern bestellen?

Siegfried Höllrigl: In Mailand zum Beispiel. Oder in Deutschland. Aber es ist leider so, dass Papierfabriken immer seltener werden. Auch die Papiersorten. Papiere, die ich gemocht habe, gibt es plötzlich nicht mehr.

Arbeiten von Siegfried Höllrigl: Hier ansehen

Wer sich für die Arbeiten von Siegfried Höllrigl interessiert, hat verschiedene Möglichkeiten. Hier stellen wir einige vor:

Steinach Townhouse Meran: In dem gemütlichen Boutique-Hotel, das nur ein paar Meter von der Werkstatt Höllrigls entfernt liegt, hängen seine Arbeiten in Form von Typo-Plakaten und Kunstdrucken des deutsch-israelischen Künstlers Abi Shek an den Wänden.

• Kunst Meran hat 2023 die Ausstellung Typoésien zum Werk von Heinz Waibl und Siegfried Höllrigl gezeigt. Die Ausstellung ist vorüber. Informationen teilt das Museum aber weiterhin auf seiner Webseite:

Typoésien. Heinz Waibl – Siegfried Höllrigl

• Umfangreich, aber nicht für jedermann einsehbar ist der Vorlass an der Universität Innsbruck, der vom Land Südtirol aufgekauft wurde..

Vorlass Siegfried Höllrigl

• Antiquariate: Es lohnt sich in Kunstbuchhandlungen und Antiquariaten nach Arbeiten zu suchen.

Das Touristen-Plakat im Steinach Townhouse Meran von Siegfried Höllrigl.
Das Touristen-Plakat im Steinach Townhouse Meran von Siegfried Höllrigl.
Charis
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